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Kainsaz Meteoriten Expedition
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Karte

Ankunft in Muslyumovo
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Kreuzungen wie diese bieten dem Russlandreisenden wenig
Hilfestellung, welche Richtung einzuschlagen ist, um an sein
Ziel zu gelangen
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Bereits nach wenigen Kilometern war klar, dass an
Schlaf bis zum Ziel nicht zu denken war. Knietiefe
Schlaglöcher, Lastzüge, die uns ohne Licht in der
Mitte der Rollbahn entgegenkamen und grimmige Omon-Soldaten,
die mit vorgehaltener Bizon Maschinenpistole Papiere verlangten, sorgten
für allerlei kurzweilige Unterhaltung. Als Andreij das Steuer übernahm
kamen wir in den Genuss eines zusätzlichen Nervenkitzels: er hatte seinen
Führerschein in St.
Petersburg vergessen und so sahen wir den vereinzelten Routinekontrollen
mit gemischten Gefühlen entgegen.
Während des ganzen Trips erinnere ich mich kaum daran,
Strassenschilder gesehen zu haben. Ohnehin waren diese nur
von eingeschränktem Nutzen, da ich lediglich über
lückenhafte Kenntnisse des kyrillischen Alphabets verfügte.
Was die Strassen abseits der breiten Rollbahnen anging so kann
von solchen kaum die Rede sein. Hier wurde deutlich, warum
Tartarstan eine unüberwindliche Herausforderung für
all seine Invasoren bedeutete.
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Die Antwort auf die Frage, ob diese Tankstelle eventuell über ein WC verfüge, war doppeldeutig: "theoriticisci da, practicisci njet!"
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Die einzigen Armeen, die Tartarstan
je erobern konnten, kamen auf dem Rücken
von Steppenpferden. Wolga-Bulgarien, wie Tartarstan
bis ins 18. Jahrhundert hieß, fiel Ender der 1230er
Jahre in die Hände der Armeen des Mongolischen
Prinzen Batu Khan. Die Einwohner vermischten sich mit
den Kipchak sprechenden turko-mongolischen Truppen
der „Goldenen Horde“ (Altin Urda) und wurden unter
dem Namen Wolga-Tartaren bekannt. In der 1430er
Jahren wurde die Region als Khanat
von Kazan unabhängig wobei das heutige Kazan nahe den
Ruinen der einstigen bulgarischen Hauptstadt
gegründet wurde.
1550 wurde Tartarstan von den Truppen des Zars Ivan
der IV., genannt „Der Schreckliche“ überrannt.
Kazan wurde 1552 eingenommen. Ein Teil der tartarischen
Bevölkerung wurde gewaltsam zum Christentum
konvertiert und zum Bau von Kirchen gezwungen. Bereits
1553 waren alle Moscheen des Landes zerstört.
Die Zarenregierung verhinderte den Bau von Moscheen,
ein Verbot das erst im 18. Jh durch Katharina die II. aufgehoben
wurde. Die erste unter dem Schutz Katharinas wiedererbaute
Moschee wurde 1770 fertiggestellt.
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Ein orientierter 73,1 g Kainsaz Meteorit gefunden 2000 von einem russichen Team.
Die jüngeren Funde unterscheiden sich kaum von jenen aus dem Jahr 1937.
Die Schmelzkruste zeigt im Tageslicht ein mattes Schwarz,
das keinerlei Anzeichen terrestrischer Verwitterung aufweist.
Das Exemplar im Bild wurde unter Halogenlicht fotografiert, um die feinen Fließstrukturen der Schmelzkruste hervorzuheben
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13. September 1937, 14:15 Uhr, 900 Meter südöstlich der Kainsaz Kolchose
Am Nachmittag des 13. September war die 23 jährige
Anna Rashkulikhova mit Feldarbeiten 900m südöstlich
Kainsaz beschäftigt. Ohne Vorwarnung und aus blauem Himmel
schlug um 14:15 Uhr unter metallischem Kreischen unmittelbar neben
ihr ein Objekt in den Boden und warf eine meterhohe Erdfontäne auf.
Weitere Feldarbeiter, die Zeugen des Vorfalls wurden, sahen wie Rashkulikhova
im Moment des Aufschlages von unsichtbarer Hand zu Boden gestreckt wurde.
Rashkulikhova selber, berichtete
von einer heißen Schockwelle, von der sie getroffen wurde.
Fünf oder sechs laute Explosionen folgten
dem Schauspiel, während die Aufschläge weiterer
Objekte zu hören waren. Anna Rashkulikhova lag taub
und unter Schock zitternd am Boden und begriff nicht was
geschehen war. Die Staubwolke des Einschlags stand noch
über dem Feld als die übrigen Arbeiter heraneilten,
um ihr zu helfen. Aus der flachen Grube, die man fand, wurde
kurz darauf ein 54 kg schwerer mattschwarzer Stein ausgegraben.
Zwei Tage später, Rashkulikhova litt immer noch an den Folgen eines
Tinnitus, berichtete sie, ein Flugzeug sei auf sie herab gefallen.
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Die hervorragend erhaltene 102.5kg Hauptmasse des Kainsaz Meteoriten ist heute eine
der Hauptatraktionen der Meteoritensammlung im Fersman Mineralogischen Museum in Moskau
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Sechs Stunden Fahrt und etwa 120 Kilometer später ging die Sonne
auf. Ihren ersten Strahlen verwandelte die Finsternis beiderseits
der Piste in eine unberührte Heide- und Moorlandschaft über
der ein dichter Bodennebel lag. Einzig ein Strang Gas- und Erdöl-
Pipelines, der sich entlang der Rollbahn in der Ferne verlor,
verrieten, dass wir keineswegs die ersten Prospektoren auf diesem Boden waren.
Das sanft hügelige Gelände war von schmalen Balkas durchzogen,
der ortsübliche Name für die oft tiefen, von den
Schmelzwasserströmen in den Lößboden gefrästen
Erosionstäler. Auf ihren östlichen Flanken deuteten
Inseln schmutzigrauen Schnees von einem langen und kalten Winter.
Graureiher und Schwarzstörche staksten entlang der Ufer auf
der Suche nach einem frühen Fisch. Ein traumhafter Ort - aber
wir hatten uns vollkommen verirrt. Die Fahrspur, der wir die
letzten anderthalb Stunden gefolgt waren,
endete in einem Sumpf. Wo die Karte eine respektable,
befestigte Straße anzeigte, ragten Schilf und Binsen
aus dem trüben Wasser.
Bei unserem Versuch, einen Weg zurück in die Zivilisation
zu finden, passierten wir die überwucherten Ruinen eines
Stahlkombinats. In Russland ist dies ein sicheres Zeichen
für die Nähe eines urbanen Komplexes in entgegengesetzter
Richtung. Da Platz für die am Reißbrett geplanten
Satellitenstädte selten eine Rolle spielt, werden
Fabriken, Lagerbauten oder Wohnsiedlungen selten renoviert,
restauriert oder abgerissen, sondern wenn überhaupt,
neben den unbewohnbar gewordenen Gebäuden neu errichtet.
Auf diese Weise verschiebt sich eine solche Stadt Generation
für Generation ein Stück
weiter in das umgebende Brachland und lässt so einen
unwirtlichen Ruinenstreifen zurück, der sich oft über
Kilometer ausdehnt.
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Die Nordspitze des elliptischen Streufeldes mit der Kainsaz Kolchose und der Verteilung der vier größten Massen.
Der Maßstab beträgt etwa 1:50000
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Wir durchquerten Krabash und dann Aznakayevo bis wir
wieder unbebaute Fläche vor uns hatten. Auf dem
Kamm einer Hügelkette öffnete sich uns ein
einzigartiger Ausblick. So weit das Auge reichte dehnte sich
die Steppe, das Gras vom scharfen Wind in silberne Wellen gelegt.
Im Tal unter uns flog in vollem Galopp und aufrecht im Sattel
stehend ein Reiter über die Ebene, sein Pferd, kleine
Dunstwolken aus den Nüstern ausstoßend, die sich langsam
in der erstarkenden Frühlingssonne auflösten,
zum Äußersten antreibend. Die hellen Rufe eines roten Milans, der
hoch im kristallklaren Himmel weite Kreise schraubte, komplettierten das archaische Bild.
Gegen zehn Uhr morgens erreichten wir die Siedlung
Muslyomovo am Ufer der Milya. Wir parkten im Schatten
der obligatorischen Lenin Statue und Pyotr verschwand
in der Miliz Station, um mich gemäß meinen Visabestimmungen
auf der örtlichen Kommandantur registrieren zu lassen.
Zusammen mit Andreij wartete ich vor der Tür als drinnen
einen tobende Stimme laut wurde. Ohne sich umzuwenden übersetze
Andrei trocken: „Marschier zur Hölle mit Deinem Touristen und
registrier ihn da.“ Wir hegten keinerlei Absicht an diesem Morgen
noch so weit zu reisen und so
setzte ich unsere Expedition ohne offizielle Sanktionierung fort.
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Haus in Muslyumovo mit traditionellem Farbschema
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Der nächste Halt war ein Gemischtwarenladen,
in dem wir die für unseren zehntägigen
Aufenthalt in den Wäldern notwendige Proviantierung
zu kaufen beabsichtigten. Während die anderen lokale
Spezialitäten sortierten, hatte ich Gelegenheit, die
örtlichen Sitten zu studieren. Offenbar gab es einen
verbindlichen Dresscode. Für die Männer schien dieser
in einer Kombination aus Fellwesten, vorzugsweise Ziege und
Schaf, ballonseidenen Jogginghosen und Gummistiefeln zu bestehen.
Ganz im Gegensatz dazu erschienen die oft ausnehmend hübschen
und hochgewachsenen Frauen in nach der neuesten Mode geschneiderten
Kostümen, engen dreiviertellangen Hosen und durchweg in
hochhackigen italienischen Stiefeln oder Pumps. Der nicht einmal
asphaltierte Boulevard verwandelte sich so zeitweise in einen
Mailänder Laufsteg und ich verfolgte interessiert das Geschehen.
Dies schien das Land der Supermodels und betrunkenen Männer in Fellwesten.
Ich stieß zu den anderen im Laden und fand Pytor
in angeregten Verhandlung mit dem Krämer über eine
Bratpfanne. Andreij übersetzte: „Ich zweifle, ob diese
Pfanne geeignet ist, um auf einem Kerosinofen oder über
offenen Feuer zu braten, Dein hoher Preis ist nicht gerechtfertigt.“
Der Besitzer entgegnete: „Aber sicher mein Freund, ich habe mir
gerade darin mein Frühstück gebraten und ich kann Dir
versichern, Sie brät hervorragend“. Mit einer fast neuen Roter
Stern-Bratpfanne und zehn Dutzend mehr oder weniger sorgfältig
verpackten Eiern verließen wir den Laden und fuhren entlang des
grünen Ufers der Millya in Richtung unseres Ziels, dem Kainsaz Streufeld.
Fortsetzung
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