www.niger-meteorite-recon.de
Kainsaz Meteoriten Expedition

Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Karte




Ankunft in Muslyumovo

 

Kreuzungen wie diese bieten dem Russlandreisenden wenig Hilfestellung, welche Richtung einzuschlagen ist, um an sein Ziel zu gelangen
Bereits nach wenigen Kilometern war klar, dass an Schlaf bis zum Ziel nicht zu denken war. Knietiefe Schlaglöcher, Lastzüge, die uns ohne Licht in der Mitte der Rollbahn entgegenkamen und grimmige Omon-Soldaten, die mit vorgehaltener Bizon Maschinenpistole Papiere verlangten, sorgten für allerlei kurzweilige Unterhaltung. Als Andreij das Steuer übernahm kamen wir in den Genuss eines zusätzlichen Nervenkitzels: er hatte seinen Führerschein in St. Petersburg vergessen und so sahen wir den vereinzelten Routinekontrollen mit gemischten Gefühlen entgegen.

Während des ganzen Trips erinnere ich mich kaum daran, Strassenschilder gesehen zu haben. Ohnehin waren diese nur von eingeschränktem Nutzen, da ich lediglich über lückenhafte Kenntnisse des kyrillischen Alphabets verfügte. Was die Strassen abseits der breiten Rollbahnen anging so kann von solchen kaum die Rede sein. Hier wurde deutlich, warum Tartarstan eine unüberwindliche Herausforderung für all seine Invasoren bedeutete.

 

Die Antwort auf die Frage, ob diese Tankstelle eventuell über ein WC verfüge, war doppeldeutig: "theoriticisci da, practicisci njet!"
Die einzigen Armeen, die Tartarstan je erobern konnten, kamen auf dem Rücken von Steppenpferden. Wolga-Bulgarien, wie Tartarstan bis ins 18. Jahrhundert hieß, fiel Ender der 1230er Jahre in die Hände der Armeen des Mongolischen Prinzen Batu Khan. Die Einwohner vermischten sich mit den Kipchak sprechenden turko-mongolischen Truppen der „Goldenen Horde“ (Altin Urda) und wurden unter dem Namen Wolga-Tartaren bekannt. In der 1430er Jahren wurde die Region als Khanat von Kazan unabhängig wobei das heutige Kazan nahe den Ruinen der einstigen bulgarischen Hauptstadt gegründet wurde.

1550 wurde Tartarstan von den Truppen des Zars Ivan der IV., genannt „Der Schreckliche“ überrannt. Kazan wurde 1552 eingenommen. Ein Teil der tartarischen Bevölkerung wurde gewaltsam zum Christentum konvertiert und zum Bau von Kirchen gezwungen. Bereits 1553 waren alle Moscheen des Landes zerstört. Die Zarenregierung verhinderte den Bau von Moscheen, ein Verbot das erst im 18. Jh durch Katharina die II. aufgehoben wurde. Die erste unter dem Schutz Katharinas wiedererbaute Moschee wurde 1770 fertiggestellt.

 

Ein orientierter 73,1 g Kainsaz Meteorit gefunden 2000 von einem russichen Team. Die jüngeren Funde unterscheiden sich kaum von jenen aus dem Jahr 1937. Die Schmelzkruste zeigt im Tageslicht ein mattes Schwarz, das keinerlei Anzeichen terrestrischer Verwitterung aufweist. Das Exemplar im Bild wurde unter Halogenlicht fotografiert, um die feinen Fließstrukturen der Schmelzkruste hervorzuheben


13. September 1937, 14:15 Uhr, 900 Meter südöstlich der Kainsaz Kolchose

Am Nachmittag des 13. September war die 23 jährige Anna Rashkulikhova mit Feldarbeiten 900m südöstlich Kainsaz beschäftigt. Ohne Vorwarnung und aus blauem Himmel schlug um 14:15 Uhr unter metallischem Kreischen unmittelbar neben ihr ein Objekt in den Boden und warf eine meterhohe Erdfontäne auf. Weitere Feldarbeiter, die Zeugen des Vorfalls wurden, sahen wie Rashkulikhova im Moment des Aufschlages von unsichtbarer Hand zu Boden gestreckt wurde. Rashkulikhova selber, berichtete von einer heißen Schockwelle, von der sie getroffen wurde.

Fünf oder sechs laute Explosionen folgten dem Schauspiel, während die Aufschläge weiterer Objekte zu hören waren. Anna Rashkulikhova lag taub und unter Schock zitternd am Boden und begriff nicht was geschehen war. Die Staubwolke des Einschlags stand noch über dem Feld als die übrigen Arbeiter heraneilten, um ihr zu helfen. Aus der flachen Grube, die man fand, wurde kurz darauf ein 54 kg schwerer mattschwarzer Stein ausgegraben. Zwei Tage später, Rashkulikhova litt immer noch an den Folgen eines Tinnitus, berichtete sie, ein Flugzeug sei auf sie herab gefallen.

 

Die hervorragend erhaltene 102.5kg Hauptmasse des Kainsaz Meteoriten ist heute eine der Hauptatraktionen der Meteoritensammlung im Fersman Mineralogischen Museum in Moskau
Sechs Stunden Fahrt und etwa 120 Kilometer später ging die Sonne auf. Ihren ersten Strahlen verwandelte die Finsternis beiderseits der Piste in eine unberührte Heide- und Moorlandschaft über der ein dichter Bodennebel lag. Einzig ein Strang Gas- und Erdöl- Pipelines, der sich entlang der Rollbahn in der Ferne verlor, verrieten, dass wir keineswegs die ersten Prospektoren auf diesem Boden waren.

Das sanft hügelige Gelände war von schmalen Balkas durchzogen, der ortsübliche Name für die oft tiefen, von den Schmelzwasserströmen in den Lößboden gefrästen Erosionstäler. Auf ihren östlichen Flanken deuteten Inseln schmutzigrauen Schnees von einem langen und kalten Winter. Graureiher und Schwarzstörche staksten entlang der Ufer auf der Suche nach einem frühen Fisch. Ein traumhafter Ort - aber wir hatten uns vollkommen verirrt. Die Fahrspur, der wir die letzten anderthalb Stunden gefolgt waren, endete in einem Sumpf. Wo die Karte eine respektable, befestigte Straße anzeigte, ragten Schilf und Binsen aus dem trüben Wasser.

Bei unserem Versuch, einen Weg zurück in die Zivilisation zu finden, passierten wir die überwucherten Ruinen eines Stahlkombinats. In Russland ist dies ein sicheres Zeichen für die Nähe eines urbanen Komplexes in entgegengesetzter Richtung. Da Platz für die am Reißbrett geplanten Satellitenstädte selten eine Rolle spielt, werden Fabriken, Lagerbauten oder Wohnsiedlungen selten renoviert, restauriert oder abgerissen, sondern wenn überhaupt, neben den unbewohnbar gewordenen Gebäuden neu errichtet. Auf diese Weise verschiebt sich eine solche Stadt Generation für Generation ein Stück weiter in das umgebende Brachland und lässt so einen unwirtlichen Ruinenstreifen zurück, der sich oft über Kilometer ausdehnt.

 

Die Nordspitze des elliptischen Streufeldes mit der Kainsaz Kolchose und der Verteilung der vier größten Massen. Der Maßstab beträgt etwa 1:50000

Wir durchquerten Krabash und dann Aznakayevo bis wir wieder unbebaute Fläche vor uns hatten. Auf dem Kamm einer Hügelkette öffnete sich uns ein einzigartiger Ausblick. So weit das Auge reichte dehnte sich die Steppe, das Gras vom scharfen Wind in silberne Wellen gelegt. Im Tal unter uns flog in vollem Galopp und aufrecht im Sattel stehend ein Reiter über die Ebene, sein Pferd, kleine Dunstwolken aus den Nüstern ausstoßend, die sich langsam in der erstarkenden Frühlingssonne auflösten, zum Äußersten antreibend. Die hellen Rufe eines roten Milans, der hoch im kristallklaren Himmel weite Kreise schraubte, komplettierten das archaische Bild.

Gegen zehn Uhr morgens erreichten wir die Siedlung Muslyomovo am Ufer der Milya. Wir parkten im Schatten der obligatorischen Lenin Statue und Pyotr verschwand in der Miliz Station, um mich gemäß meinen Visabestimmungen auf der örtlichen Kommandantur registrieren zu lassen. Zusammen mit Andreij wartete ich vor der Tür als drinnen einen tobende Stimme laut wurde. Ohne sich umzuwenden übersetze Andrei trocken: „Marschier zur Hölle mit Deinem Touristen und registrier ihn da.“ Wir hegten keinerlei Absicht an diesem Morgen noch so weit zu reisen und so setzte ich unsere Expedition ohne offizielle Sanktionierung fort.

 

Haus in Muslyumovo mit traditionellem Farbschema

Der nächste Halt war ein Gemischtwarenladen, in dem wir die für unseren zehntägigen Aufenthalt in den Wäldern notwendige Proviantierung zu kaufen beabsichtigten. Während die anderen lokale Spezialitäten sortierten, hatte ich Gelegenheit, die örtlichen Sitten zu studieren. Offenbar gab es einen verbindlichen Dresscode. Für die Männer schien dieser in einer Kombination aus Fellwesten, vorzugsweise Ziege und Schaf, ballonseidenen Jogginghosen und Gummistiefeln zu bestehen. Ganz im Gegensatz dazu erschienen die oft ausnehmend hübschen und hochgewachsenen Frauen in nach der neuesten Mode geschneiderten Kostümen, engen dreiviertellangen Hosen und durchweg in hochhackigen italienischen Stiefeln oder Pumps. Der nicht einmal asphaltierte Boulevard verwandelte sich so zeitweise in einen Mailänder Laufsteg und ich verfolgte interessiert das Geschehen. Dies schien das Land der Supermodels und betrunkenen Männer in Fellwesten.

Ich stieß zu den anderen im Laden und fand Pytor in angeregten Verhandlung mit dem Krämer über eine Bratpfanne. Andreij übersetzte: „Ich zweifle, ob diese Pfanne geeignet ist, um auf einem Kerosinofen oder über offenen Feuer zu braten, Dein hoher Preis ist nicht gerechtfertigt.“ Der Besitzer entgegnete: „Aber sicher mein Freund, ich habe mir gerade darin mein Frühstück gebraten und ich kann Dir versichern, Sie brät hervorragend“. Mit einer fast neuen Roter Stern-Bratpfanne und zehn Dutzend mehr oder weniger sorgfältig verpackten Eiern verließen wir den Laden und fuhren entlang des grünen Ufers der Millya in Richtung unseres Ziels, dem Kainsaz Streufeld.

Fortsetzung

Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Karte








Abgedruckt in Meteorite
Nov. 2007






  © 2001-2008 Meteorite Recon