www.niger-meteorite-recon.de
Kainsaz Meteoriten Expedition

Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Karte




Bau des Lagers

 

Ein Birkhun (Lyrurus tetrix) inspiziert unser Camp. Das große und schöne Tier kann mehrere Kilo Gewicht auf die Wage bringen und hätte eine willkommene Abwechslung unseres monotonen Speiseplans abgegeben
Die Furt durch einen kleinen Bach mit steilen Ufern kostete uns ein paar Eier, aber der brave Lada erklomm den Anstieg auf der gegenüberliegenden Seite anstandslos. Nach einer viertelstündigen Querfeldeinfahrt durch hügeliges Weide- und Ackerland erreichten wir den Saum eines Birken- und Kieferwaldes, der sich bis über den Horizont ausdehnte.

Ein Birkhahn startete schwerfällig von einer pittoresken Lichtung und krähte missfallend über die unerwünschte Störung unserer Ankunft. Das GPS zeigte eine feine Linie, die unseren Standort von Südost nach Nordwest in einem Winkel von 47° schnitt. Es war dies die Achse des elliptischen Streufeldes. Wir waren am Zentrum des Geschehens von 1937 angelangt. Dieser Ort würde unser Lager für die kommenden zwei Wochen werden.

Die erste Maßnahme war der Bau des Küchenzeltes. Stämme wurden gesägt und zu einem Gerüst zusammengenagelt. Das Ganze wurde mit Seil an zwei starke Baumstämme gebunden und mit einer transparenten Plane überzogen. Ein Camping-Tisch, drei Stühle und eine Petroleum-Lampe vervollständigten die simple aber brauchbare Konstruktion. Zu diesem Stand der Dinge beeilte ich mich, mein eigenes Zelt aufzuschlagen. Nach zwei Tagen auf den Beinen schien mir etwas Schlaf nun angebracht. Gerade rollte ich meinen Schlafsack aus als Andreij eine Versammlung im Küchenzelt ankündigte.

 

Küchenzelt nach "Klondike" Art. Man beachte das montierte Vallon Magnetometer unter der Hängematte

13. September 1937, 14:50 Uhr, unweit der Strasse von Tash Elga nach Kainsaz

Auf seinem Rückweg nach Kainsaz folgte Ivan Baryshnikov der von Tash Elga kommende Strasse wo er eine aufgeregte Gruppe fand, die gerade einen kohlschwarzen Stein von der Größe einer Pelzmütze neben der Strasse ausgegraben hatte. Der Stein war etwa einen Fuß tief eingeschlagen und hatte eine eben so breite Mulde in die Erde geschlagen. Jemand sagte, das es sich um eine Bombe handeln müsse und alle traten erschreckt zurück.

Ivan wusste, wie Bomben aussahen und dieses Objekt sah den Geschossen, die er im Krieg kennen gelernt hatte überhaupt nicht ähnlich. Doch als die Dorfbewohner ihn fragten, was denn, wenn keine Bombe, musste auch Ivan zugeben, dass er in seinem langen Leben Ähnliches noch nicht erlebt hatte, und hier höheres Wissen gefragt war. Später, so erfuhr Ivan, wurde ein weiterer Stein gefunden und Leute aus dem Nachbardorf berichteten, dass ein schwarzer Fels von 22 kg in ein Feld nahe Krasny Yar gefallen war, keine 50 Schritt von einem Bauer auf seinem Traktor.


 

Brunch nach Tartarenart
Auf dem Camping-Tisch stand eine Flasche Vodka und drei Wassergläser. Pyotr schenkte vorsichtig ein und achtete darauf, dass die Gläser auch tatsächlich bis zu ihrem äußersten Fassungsvermögen gefüllt wurden. Obwohl es gerade erst Mittag war konnte ein kleiner „Sundowner“ zu diesem Zeitpunkt nicht schaden. Danach würde ich mich in die verdiente Ruhe meines Schlafsacks zurückziehen, komme was da wolle. Pyotr brachte einen Toast auf den Erfolg unserer Mission aus, den wir wiederholten bevor wir die Gläser leerten. Noch bevor sich das Brennen in meiner Kehle legte, hatte Pyotr wieder eingeschenkt.

Wieder wurde ein Tost ausgebracht und diesmal war es meine Aufgabe, den Trinkspruch zu sprechen. Ich dankte meinen russischen Freunden für ihre Gastfreundschaft und für die Möglichkeit, an dieser historischen Mission teilnehmen zu dürfen. Immerhin war ich der erste Deutsche, wenn nicht der erste Fremde überhaupt, der das Kainsaz Streufeld betrat. Als die dritte Runde ausgeschenkt wurde griff ich mir einen Stuhl. Eine weitere Flasche mit einem grimmigen Bären auf dem Etikett wurde geöffnet.

 

Zwei Wohnzelte, ein Küchenzelt und ein Feuerplatz: Das Tartarstan Inn
Ich packte die Gelegenheit beim Schopf und schlug vor, das Meeting an dieser Stelle abzubrechen, da ich fest entschlossen war, am Nachmittag mit der Meteoritensuche zu beginnen. Pyotr nickte und stimmte mir zu, dass die harte Arbeit, die uns erwarte, übermenschliche Kräfte verlangen würde. Diese könnten nur durch weiteres Vodkatrinken geweckt werden.
Eine halbe Stunde und einige Toasts später wurde das Frühstück für beendet erklärt und ich kroch endlich in mein Zelt. Mittlerweile war ich mir nicht mehr sicher, ob ich in ein paar Stunden aufstehen wollte, um das Magnetometer durch die Wälder zu tragen. Als ich in meinem Zelt verschwand rief mir Andreij noch hinterher, „keine Angst, wir werden morgens kaum Vodka trinken“. Die Kainsaz Meteoriten-Suche erschien mir in diesem Licht betrachtet härter als erwartet.

 

Ein 451g Kainsaz Individuum aufgenommen nach dem Fund durch Pyotr Muromov auf der Zentralachse des Streufeldes im Frühjahr 2003.

Als ich erwachte, war es spät am Nachmittag und ich fühlte mich, als ob der Grizzly von der Vodkaflasche auf mir gelegen hätte. Tatsächlich handelte es sich um einen Russischen Braunbären der Spezies Ursus arctos, aber das machte keinen großen Unterschied in meinem Zustand. Ein ausgedehntes Bad in der kleinen Schmelzwasserquelle hügelabwärts brachte die Lebensgeister zurück. Das klare eiskalte Wasser floss aus einem Plastikflaschenhals, den Andreij auf die Quellöffnung gesteckt hatte. Bei meiner Rückkehr ins Camp hatte er bereits ein Feuer entzündet.

 

A. S. Selivanov. Der Wissenschaftler des Vernadsky Geochemischen Instituts wurde im Herbst 1937 mit der Untersuchung des Kainsaz Meteoritenfalles beauftragt. Später, im Jahr 1960, stieg Selivanov zu einem Pionier der Kameratechnologie im Rahmen des sowjetischen Lunar Orbiter Programms auf
13. September 1937, 18:30 Uhr, Muslyomovo

Am Nachmittag des 13. September1937 hatte der Parteikommisar in Muslyumovo seinen ersten Bericht fertiggestellt und nach Moskau telegrafiert. Dieser enthielt bisher wenig mehr als einige Augenzeugenberiche und die beunruhigende Darstellung der Gerüchte, mit denen sich die Bevölkerung das Geschehene zu erklären versuchte. In Moskau alarmierten die aus mehreren betroffenen Distrikten eintreffenden Schilderungen den OGPU, den Vorgänger des KGB. Dort war man überzeugt, dass nur der Absturz eines deutschen Spionageflugzeugs hinter den Berichten stecken könne. Sofort wurde der Kommissar angewiesen, alles verdächtige Material, das vom Himmel gefallen war, zu konfiszieren und weitere Anordnungen abzuwarten.

Und Moskau zögerte nicht. Sofortmaßnahmen wurden beschlossen, um eine deutsche Bedrohung in Tartarstan auszuschließen. Noch am selben Abend wurde das Institut für Geochemie in Moskau, der Vorläufer des 1947 gegründeten Vernadsky Instituts, angewiesen, umgehend einen Wissenschaftler nach Tartarstan zu schicken und eine umfassende Untersuchung des Kainsaz-Zwischenfalles durchzuführen. Der Chefmineraloge des Instituts, Andrei L.S. Selivanov hatte laut dieser Order noch in der Nacht Richtung Muslyumovo abzureisen und nicht eher zu ruhen, bis er die Einschlagstelle erreicht hatte.


Wir machten uns an eine Überprüfung unserer Ausrüstung auf eventuelle Transportschäden. Außer drei White’s Spectrum Detektoren hatten wir ein Vallon EL-1301 Magnetometer mitgebracht. Ein schweres Gerät, ursprünglich dafür entwickelt, um Bombenblindgänger in großer Tiefe zu orten. In der empfindlichsten Betriebsstufe ist das EL 1301 unter günstigen Bedingungen in der Lage, ein ferromagnetisches Objekt in der Größe eines Golfballes bis in eine Tiefe von etwa 75 cm zu orten. Sein großer Nachteil ist
 

Schwieriges Suchgelände entlang der Streufeldachse
das enorme Gewicht und, wie wir später feststellen sollten, die mangelnde Diskriminierung, d.h. die Fähigkeit, zwischen eisernen Artefakten, ferritischer Bodenkontamination und natürlichem Nickeleisen zu unterscheiden.

Was die White’s-Detektoren anging, so verfügten wir bereits über brauchbare Erfahrungswerte aus anderen Meteoritensuchen. Die Spectrum Geräte waren bei gering kontaminierten Böden zuverlässig in der Diskriminierung und boten eine gute Oberflächenabdeckung, was in unseren Zusammenhängen wesentlich wichtiger als eine gute Tiefenleistung war.

Kainsaz zählt zu den wenigen CO3-Meteoriten, die sich überhaupt mit Metalldetektoren orten lassen. Das Material enthält insgesamt 25,56% Vollumenanteil Eisen was gerade ausreicht, um dem Prospektor eine faire Chance zu geben. Vorausgesetzt, der Meteorit verfügt über eine gewisse Größe und für die Ortung günstige Form und Lage. Der Eisengehalt von Kainsaz ist mit etwa 25% ist dennoch recht gering für einen Steinmeteoriten. Er korrespondiert mit dem eines gewöhnlichen L-Chondriten. Das Ni-Spektrum der letztgenannten liegt bei 4 bis 10% während sich Kainsaz mit 4,5% Ni am unteren Ende dieser Bandbreite bewegt.

 

Wo liegen die Meteoriten?

Obwohl niemand von uns erpicht darauf war, an diesem Nachmittag noch zu arbeiten, waren alle bester Dinge. Mit einer dünnen, 17,9g schweren und etwa 4 x 6 cm messenden Kainsaz-Scheibe, wurden die Detektoren kallibriert. Die Probe wurde vor Beschädigung mit einem Plastik-Case geschützt und etwa 10cm unter der Laubschicht, horizontal zur Oberfläche platziert. Bei exaktem Anmessen gaben die White’s Geräte ein ausreichendes Signal.

Das Vallon Magnetometer ortete die Probe bereits in einem Radius von 20cm und aus einer vertikalen Distanz von ca. 25cm. Das Am folgenden Tag würden wir mit der Suche beginnen.

Fortsetzung

Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Karte








Abgedruckt in Meteorite
Nov. 2007






  © 2001-2008 Meteorite Recon