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Rub' al-Khali Expedition 2008
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Text: Svend Buhl, Fotos: Svend Buhl und Thomas Kurtz
Am Nachmittag hat der aufgewirbelte Staub den Himmel so stark verfinstert, dass an
eine Suche nicht mehr zu denken ist. Wir steuern den Jeep auf eine Anhöhe, um
zwischen den Klippen nach einem windgeschützten Lagerplatz zu suchen. Um
uns heult der Wind und dunkelrote Staubwolken jagen
über die Hügelkämme. Wir müssen mit heiseren Kehlen schreien,
um uns zu verständigen. Die Temperatur ist auf 16°C gesunken.
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"Rub al Khali 008" (Feldname) in situ. 80,10g Fragment in der Form eines Schiffsbugs
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Ich binde mir den Chech dicht über Mund und Nase und lasse
nur einem schmalen Schlitz für die Augen frei, über den ich
die Staubbrille ziehe. Zwischen den Klippen ist lediglich
in Bodennähe einigermaßen Schutz vor Wind und Flugsand zu finden.
Unsere Zelte würde es hier wegwehen, bevor wir sie aufschlagen
können. Schließlich finden wir einen hufeisenförmigen Kessel,
der auf drei Seiten von erodierten Sockelresten umschlossen ist.
Aus einer dieser Wände gähnt uns eine ausgefranste schwarze
Öffnung entgegen, vor der verwitterte Knochen aus dem Sand ragen.
Thomas vermutet, darin hause ein mächtiges Reptil. Wir taufen den
Ort daher "Djebel Abu al-Khaaf", den "Vater der Höhle".
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Camp in den Yardangs am "Djebel Abu al-Khaaf"
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Völlig ausgepumpt lassen wir uns auf den Boden fallen. Durch die
offene Seite der Mulde blicken wir auf eine von dunklen Klippen
umringte tote graue Mondlandschaft, deren Konturen sich im Staubsturm
auflösen.
Ein solches Szenario muss Dante im Sinn gehabt haben, als
er den 18. Gesang des "Infernos" schrieb:
"Es ist ein Ort in der Hölle genannt Malebolge, ganz von eisenfarben,
so wie der Felsenring, der ihn umschließet".
Bevor wir im Sturm die Zelte aufschlagen, kann ich mich überwinden,
noch ein paar Aufnahmen zu machen, aus denen ich später ein Panorama
zusammensetzen will. Die Spiegelreflexkamera schluckt
dabei eine Handvoll Staub, knirscht ein letztes Mal und fällt für den
Rest der Tour aus. Mir bleibt noch die Nikon Coolpix 5400.
Nach Anbruch der Dunkelheit wird es lausig kalt in unserem Camp.
Aus großen Kalkplatten bauen wir uns deshalb einen Ofen, der nach
oben und zu den Seiten abgeschlossen ist und lediglich nach vorne
Licht und Wärme abstrahlt.
Davor verzehren wir dann ein karges Mahl aus Thunfischkonserven und
verbringen den Rest des Abends bei heißem Tee. Die ganze Nacht knattern die Zelte im Wind.
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Sonnenaufgang am "Djebel Abu al-Khaaf"
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Zwar hat der Wind auch am kommenden Tag nicht nachgelassen, die Sicht
ist aber wieder ausreichend für die Meteoritensuche. Die Gegend ist
schwer zu befahren, aber reich an Funden. Während Thomas zu Fuß sucht,
kämpfe ich mich den größten Teil des Vormittags auf der Suche nach einer
befahrbaren Passage in die Ebene an den Klippen entlang. Immer wieder steige
ich aus, um am Fuß der Kämme und an deren Leeseite in knietiefem Feinsand
zu versinken. So wird das nichts.
Auf einem schmalen Grat bringe ich den Landcruiser schließlich
gefährlich schlingernd an den Rand einer Kante, von deren steiler
Flanke es nur noch knappe fünfzig Meter bis auf festen Untergrund sind.
Zu Fuß laufe ich die Strecke mehrfach ab, um anhand der Tiefe meiner Spuren
aus dem Auto die Oberflächenbeschaffenheit ablesen zu können. Zwar hat sich
auch hier an der Leeseite Flugsand gesammelt, aber ich will es jetzt wissen.
Auf dem steilen Abhang beschleunige ich mit hoher Fahrt in den zweiten Gang,
um in einer meterhohen Staubwolke durch den Tiefsand zu preschen.
Das Fahrzeug verliert bedrohlich an Moment, aber mit dem letzten Schwung erreicht
es gerade noch den sicheren Grund.
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"Rub' al-Khali 006" in situ, ein stark verwitterter 488g Chondrit
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Bereits nach zwanzig Minuten Fahrt in der Ebene stoße ich auf den ersten
Meteoriten des Tages. Wie aus dem Nichts taucht er hart links voraus aus
dem Kies auf. Ein großer stark verwitterter
Chondrit, den ich auf etwa ein Pfund schätze. Es ist unser sechster Meteorit und die zehnte Einzelmasse, die wir finden.
Während ich mit der Dokumentation beginne und liegend einige Aufnahmen
auf den Niveau des Fundhorizonts mache, kommt Thomas anspaziert, der mein Treiben
aus der Ferne
beobachtet hatte. Wir beglückwünschen uns und beschließen die Ebene weiter gemeinsam
vom Fahrzeug aus abzusuchen.
Vier Tage verbringen wir in der Gegend um die Abwaab as-Sabr und finden
im Schnitt vier individuelle Meteoriten je Suchtag, oft durch Verwitterung
in fünf bis zehn Einzelmassen fragmentiert. Dabei machen wir die Erfahrung,
dass sich Metoriten auf große Distanzen durchaus auch mit einem guten
Fernglas identifizieren lassen. Ich hatte, zunächst zur Tier- und Terrainbeobachtung,
ein 8 x 56 Hensoldt Wetzlar Militärglas im Gepäck. Am zweiten Tag unserer Suche nahe
des "Djebel Abu al-Khaab" entdeckte ich dann am frühen Nachmittag, aus einer Distanz
von 85 Metern mit diesem Glas einen schwarzen Punkt zwischen einigen etwas helleren
Wurzelresten, die ich zunächst anvisiert hatte. Wir fuhren den Punkt an und tatsächlich
handelte es sich um einen schönen,
leicht konisch geformten 90 Gramm schweren Chondriten, von dem nur ein knappes Drittel
aus dem Kiesbett hervorschaute.
Das Glas kam von nun an häufiger zum Einsatz. Am Ende sollten wir
sieben von insgesamt siebenundzwanzig Meteoritenfunden mit dem Hensoldt-Glas finden.
Dabei steigerten wir die Fund-Distanzen von anfangs 85 Metern
auf später 500 Meter in idealem Gelände. Wann immer sich eine neue Perspektive
oder ein erhöhter Ausblick bot,
suchten wir dazu minutenlang mit dem Glas und der Sonne im Rücken die
Oberflächen ab, um potenzielle Ziele zu identifizieren.
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Das 8 x 50 Hensoldt-Wetzlar Glas
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Überhaupt arbeiteten wir kontinuierlich an der Verfeinerung
unserer Suchtechnik. Gefahren wurde stets so, dass die Sonne
aus unserer neun Uhr-Position kam. Beobachtet wurde in einem
Winkel von unserer zwölf Uhr-Position bis auf drei Uhr. Wie auf
der Brücke eines aufgetaucht fahrenden U-bootes waren die
Beobachtungssektoren genau zugewiesen. Während der Fahrer voraus
bis schräg rechts im Blick behielt, scannte der Beifahrer die Fläche
schräg voraus bis rechts. Zur Korrektur des Kurses bei fortschreitendem
Sonnenstand überprüfte der Fahrer dazu regelmäßig den exakten Schattenwurf,
meist durch Ausstrecken
des Armes aus dem Fenster. Später befestigten wir zu diesem Zweck einen
senkrechten Stab auf der Motorhaube.
Gefahren wurde selten schneller als im Schritttempo. Spätestens alle zweihundert
Meter suchten wir das neue Gelände mit dem Glas ab. Die Technik, einen
Meteoriten aus der Distanz im Gelände zu indentifizieren, ist dabei
theoretisch relativ simpel. Entscheidend ist der Sonnenstand. Je mehr
ein Objekt seitlich beschienen wird, desto unschärfer sind die Farbkontraste.
Erst die direkte Anstrahlung schafft einen Farbkontrast, der den Beobachter
zwischen einer dunkelgrünen oder dunkelbraunen Flintsteinknolle und einem
patinierten Chondriten unterscheiden lässt. Im direkten Licht entfällt
zudem die Ablenkung durch Schlagschatten. Im Gegenlicht
lässt sich ein faustgroßer Meteorit dagegen nicht einmal aus zehn Schritt
Entfernung von einem Schattenwurf unterscheiden.
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"Rub' al-Khali 23", ein 210g schwerer Chondrit, fotografiert aus 25 Metern Entfernung im Gegenlicht
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Neben dem Winkel der Sonneneinstrahlung spielt dabei auch der
Sonnenstand eine wichtige, aber keineswegs kriegsentscheidende Rolle.
Die besten Lichtverhältnisse herrschen zwei Stunden nach Sonnenaufgang
und zwei Stunden vor Sonnenuntergang. Direkt nach Sonnenaufgang wirft
jeder daumengroße Kiesel noch einen Schlagschatten von dreißig Zentimetern
und länger. Erst allmählich löst sich der Flickenteppich aus hellen und
dunklen Streifen in ein übersichtliches Muster aus einigen dunkleren
Strukturen auf hellem Grund auf. Dieses gute Licht hält dann zwei Stunden
an, um auf den Mittag zu wieder schlechter zu werden. Steht die Sonne im
Zenit, löst sich die gesamte Landschaft
in einen blendenden flimmernden Brei auf, dessen Absuchen selbst für die
sonnenbrillengeschützen Augen auf Dauer schmerzhaft ist.
Die Kunst besteht nun darin, möglichst alle dunkleren Objekte als Nichtmeteoriten
auszuschließen. Das ist leichter gesagt als getan. Je nach Oberfläche befinden
sich hunderte von dunkleren Flecken und Punkte im Sichtfeld.
Bei genauem Hinsehen ergeben sich leichte Farb- und Konturunterschiede, die es zu
deuten gilt. Sämtliche Formen des Bewuchses, seien es Büschel dunklen Kamelgrases
oder die Wurzelstümpfe abgestorbener Shakr-Büsche verraten sich durch weiche Konturen.
In neun von zehn Fällen lassen Sie sich bis dreihundert Metern mit dem Fernglas ausschließen.
Schlagschatten höher aus dem Kiesbett ragender Steine sind oft durch einen Vergleich mit
der Bodentextur in direkten Umgebung zu erkennen. Gerade auf Graten und Hügelkämmen
kommen größere Verwitterungsfragmente häufiger vor, da der Untergrund dort oft aus
Sockelresten des Muttergesteins besteht,
die aufgrund höheren Erosionsbeständigkeit aus dem Untergrund hervorstehen.
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"Rub' al-Khali 23", fotografiert aus derselben Distanz, diesmal mit der Sonne im Rücken
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Frischer Kameldung weist zwar oft eine meteoritenähnliche Farbschattierung und
Textur auf, liegt aber aufgrund seiner geringen spezifischen Dichte und im Gegensatz zu
Meteoriten mit einer sehr kleinen Auflagefläche ganz oben auf der Oberfläche auf. Manchmal
werden die Köttel einzeln vom Wind verweht,
in der Regel treten sie jedoch in der Mehrzahl auf, was ein zusätzliches
Ausschlusskriterium ist.
Hin und Wider entdeckt das Auge die mumifizierten Kadaver von Vögeln
oder großen Insekten. Ähnlich wie die eingangs erwähnten Pflanzenteile,
heben sie sich im Gegensatz zu den anorganischen Fremdkörpern mit
weichen Konturen von der Oberfläche ab. Die irdischen Hüllen des
Lebens haben den zerstörerischen Kräften der thermischen und
mechanischen Erosion wenig Widerstand entgegenzusetzen. Sie zerfasern
rasch, was zu ausgefransten Umrissen führt.
Schwieriger wird es bei dunkleren Gesteinen. Hier ist eine intime
Vertrautheit mit den Fremd- und Einschlussgesteinen der Suchoberfläche
notwendig, um nicht jeden Splitter einzeln mit dem Fahrzeug anfahren zu
müssen. Egal wie dunkel diese Gesteine auch sein mögen, sie erreichen
nie die totale Schwärze eines mit Schmelzrinde oder Wüstenpatina
überzogenen Meteoriten. Für das
geschulte Auge bleibt immer ein Rest Trennschärfe, der den gewöhnlichen
Chondriten deutlich von allem Fremdgestein der Umgebung unterscheidet.
Die größte Versuchung, eine Abweichung vom Kurs vorzunehmen,
um das betreffende Objekt aus der Nähe zu betrachten, geht von
Blechdosen aus. Zwar kommt es vor, dass man tagelang keine sieht,
gerade in jenen Gebieten, in denen die Aramco-Prospektionstrupps
unterwegs waren, finden sich Konserven jedoch massiert. Oft tragen
die jahrzehntelang sandgestrahlten Blechbehälter Prägestempel aus
den vierziger und fünfziger Jahren. Da sie sich mit einem nahezu
totalen Schwarz vom Untergrund abheben, bietet allein die zylindrische
oder bei Konserven typische ovale Grundform einen Anhaltspunkt. Sind
diese Dosen eingedrückt
oder schräg im Sediment eingebettet, kann es passieren, dass man sie
aus wenigen Schritt Entfernung noch immer für einen Meteoriten hält.
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Sichtverhältnisse um die Mittagszeit
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All diese, nur durch äußerst subtile Merkmale zu
unterscheidenden Objekte, ziehen in endloser Zahl
und in flirrender Luft in Distanzen vorüber, die
für das Auge gerade noch zu bewältigen sind. Dennoch
gilt es, sie unablässig im Geiste zu sortieren. Diese
eintönige Arbeit erfordert eine enorme Konzentration und
ist auf Dauer körperlich extrem ermüdend.
Um einen Eindruck zu gewinnen, stelle man sich vor,
Tag für Tag zehn Stunden lang auf einem flimmernden Bildschirm
nach einzelnen schwarzen Pixeln Ausschau zu halten.
Nach weiteren drei Suchtagen, wir hatten mittlerweile
unserer Benzin- und Wasservorräte aus dem zuvor angelegten
Depot ergänzt, machte sich die Erschöpfung auch körperlich
bemerkbar. Wir sagten links, wenn wir rechts meinten und umgekehrt und
es fiel uns bedenklich schwer, die einfachsten Sachverhalte in Worte zu fassen.
Trotz guter stark getönter Sonnenbrillen, machte
die Suche, besonders wenn es auf den Mittag zulief, ein
ständiges Zusammenkneifen der Augen notwendig. Mir fiel
es plötzlich schwer, Gegenstände, in einiger Entfernung zu
fokussieren und mein linkes Auge schmerzte. Thomas
fragte, was los sei und entgegnete auf meine Auskunft nur,
"macht nix, dann bleiben zusammen immer noch drei Augen für
die Suche, das reicht!".
Fortsetzung
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