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Rub' al-Khali Expedition 2008
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Text: Svend Buhl, Fotos: Svend Buhl und Thomas Kurtz


 

Winderosionsreste (Yardangs) am Südrand des Leeren Viertels
Das Leere Viertel

Wir waren bei Sonnenaufgang gestartet und hatten bis Mittag bereits 500 Kilometer Piste zurückgelegt. Das Außenthermometer zeigte trockene 32° und beiderseits der Asphaltpiste zogen blendend weiße Kiesflächen vorbei, nur selten unterbrochen von Dünengürteln und flachen Zeugenbergen. Schwer mit den Gütern des Orients beladen, rollten wir gemach in Richtung Westen. Als Allah die Zeit erschuf, schuf er reichlich davon, so steht es geschrieben. Es bestand also kein Grund zu übertriebener Eile.

Hinter uns, im Kofferraum, den wir durch Umlegen der Rückbank expandiert hatten, stapelte sich ein Zentner Ausrüstung, den wir mit einem Sortiment lokaler kulinarischer Experimente und ausreichend Wasser und Brennstoff aus dem örtlichen Bazar ergänzt hatten.

Besonderen Zuspruch erfuhr eine 5kg Dattelkiste. Die findigen saudischen Verpackungsdesigner, eng mit den Bedürfnissen neuzeitlicher Nomaden vertraut, hatten ein Dreieck, gerade groß genug für drei Finger, in den Karton gestanzt. Dieser praktische Dattelspender hatte sofort seinen Stammplatz unter der Mittelkonsole und wurde künftig nur noch für den schnellen Griff zum Allrad oder Differenzial entfernt.

Bei 594 Kilometern kam hart neben der Strasse ein schwarzes Bündel in Sicht, das rasch größer wurde und beängstigende Dimensionen annahm. Im Vorbeifahren entpuppte es sich als aufgedunsener Kamelkadaver, dessen staubiges Fell unter einem dichten Mantel von Fliegen und violett schimmernden Innereien begraben war, die ballonförmig aus dem deformierten Rumpf hervorquollen. Aus Erfahrung klug geworden, hatte ich im letzten Moment die Fenster geschlossen.

Einer leichten Blässe nach zu urteilen, hatte die Begegnung bei Thomas dennoch Eindruck hinterlassen. Mein beruhigender Zuspruch, "vollkommen normaler Vorgang, nach drei Tagen im Strassengraben sähen wir genauso aus", hatte aus unerfindlichen Gründen nicht die bezweckte entspannende Wirkung.

 

Teamkollege Thomas bei der Zubereitung einer "bouillabaisse á la quartier creux"

Am späten Nachmittag erreichten wir Al-Ghaftain und füllten zum letzten Mal unsere Tanks, bevor wir Richtung Norden von der Piste abbogen. Der Punkt war ungünstig gewählt, denn schon nach zweihundert Metern pflügten wir hochtourig durch ein breites Tiefsandfeld. Erst nach zwei Kilometern wurde der Grund sicherer. Wie auf einer Insel im trügerischen Meer parkte ich den Land Cruiser auf einer Dolomitscholle, die als Sockelrest meterhoch über die Sandflächen ragte. Wir waren angekommen.

 

Wilfred Thesiger, Pionier der Rub' al-Khali, während seiner ersten Durchquerung 1947. Aus: Arabian Sands, London 1959
Die Rub' al-Khali, das "Leere Viertel" der arabischen Halbinsel ist die größte zusammenhängende Sandwüste der Erde. Sie bedeckt eine Fläche von rund 780.000 Quadratkilometern. Mit einer Nord-Süd Ausdehnung von rund sechshundert Kilometern und einer Ost-West Ausdehnung von über eintausend Kilometern, ist sie gleichzeitig eine der menschenleersten Flächen auf unserem Planeten.

Beginnend südlich vom saudischen Riad bis nach Hadramaut im Jemen und Mugshin im Oman und vom saudischen Abha bis nach Al-Khis in den Vereinigten Arabischen Emiraten, erstreckt sich ein Sandgürtel, der in seiner gesamten Ausdehnung ganz Frankreich bedecken würde. Die "Barchan"-Dünen in ihrem Zentrum, türmen sich zu Höhen von über 300 Metern auf. Zusammen mit den "Irq"-genannten Gürteldünen, die bis 150km Länge erreichen, schaffen sie eine Zone, die nur mit äußerstem Kraftaufwand und unter hohen Risiken zu überwinden ist.

Bedingt durch den Passatwind ist die Rub' al-Khali eine hyperaride Wüste. Die Temperaturen können vom Gefrierpunkt in der Nacht bis zu 65 °C tagsüber schwanken. Von der Betrachtung aus dem Weltraum abgesehen ist die Rub' al-Khali größtenteils unerforscht. Bis heute ist sie eines der unzugänglichsten Gebiete der Erde. Im Gegensatz zur Sahara ist der Karawanenbetrieb im Leeren Viertel vollständig zum Erliegen gekommen. Das legendäre Volk von Ad, dessen Weihrauchkarawanen noch bis ins dritte Jahrhundert nach Christus die Rub' al-Khali von Moscha über Ubar zu den Arabischen Häfen im Norden durchquerte, hat kaum Spuren hinterlassen. Selbst die Bedu, die heute an den Rändern der Rub' al-Khali leben, meiden die Wüste. Heute begeben sich lediglich die Explorationstrupps der Ölunternehmen, denen die modernen Bedu ihren Wohlstand verdanken, ins Innere des Leeren Viertels.

Die ersten Durchquerungen der Rub' al-Khali durch Europäer gelangen dem britischen Beamten Sir Bertram Thomas im Jahr 1931 und kurz darauf dem britischen Agenten Harry St. John Bridger Philby, besser bekannt unter seinem arabischen Namen Sheikh Abdullah. Von 1946 an unternahm Sir Wilfred Patrick Thesiger (Arabian Sands, 1959) mehrere weitere Querungen, diesmal östlich und nördlich der Routen seiner Vorgänger. Die Pioniere des Leeren Viertels vertrauten wie die Bedu, die sie als Führer begleiteten, ausnahmslos auf Kamele als Last- und Reittiere. Erst in den frühen vierziger Jahren begannen die Explorationstrupps von Saudi Aramco damit, mit Fahrzeugen in die Rub' al-Khali vorzustoßen. Ihre Spuren, die sich in die nie zuvor betretenen feinkörnigen Kiesdecken eingepresst haben, sind noch heute zu sehen.

 

Vollmond über der Rub' al-Khali

Seit den achtziger Jahren sind die großen Ölfelder, wie Shaybah am nördlichen Saum des Leeren Viertels, mit Pipelines, Glasfaserkabeln und eigenen Flugfeldern an die Infrastruktur angeschlossen. Ein dichtes Netz breiter Sandpisten, aus dem Weltraum sichtbar, durchzieht heute die Rub' al-Khali. Doch der Schein trügt. Die Spuren einer vielbefahrenen Piste können Monate oder Jahre alt sein. Oft führen sie zu alten Probebohrungen oder aufgegebenen Camps, die sich lediglich durch ein paar morsche Bretter und im Sand versunkene Konserven zu erkennen geben. Der Wüstenreisende ist gut beraten, ihnen nicht zu trauen und sich auf seine Navigation zu verlassen.

Wir hatten keine Querung im Sinn. Mit einem einzigen Land Cruiser J9, dessen Tanks gerade einmal 120 Liter Sprit fassten, und einer maximalen Zuladung von 600kg, wäre das ein Himmelfahrtskommando gewesen. Aber uns interessierten die Randgebiete der Rub' al-Khali und die breiten Korridore, die bis zu zweihundert Kilometer in den Sandgürtel hineinreichen. Diese Kies- und Schotterflächen, Miozäne Meeres- und Seesedimente aus hellen Kalken und Silt, sind die Oberflächen aus denen die Meteoriten auftauchen. Vor tausenden oder zehntausenden Jahren herabgefallen, überdauerten diese die Zeit eingebettet im Sediment, bis die zunehmende Desertifikation und die damit verbundene Winderosion sie wieder freilegte.

Fortsetzung

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