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Rub' al-Khali Expedition 2008
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Text: Svend Buhl, Fotos: Svend Buhl und Thomas Kurtz


Bereits seit den fünfziger Jahren wurden vereinzelt Meteoritenfunde aus dem Saudi-Arabischen Teil der Rub' al Khali bekannt. Ende der neunziger Jahre kamen Funde aus dem Yemen, vor allem aber aus dem Sultanat Oman hinzu. Dort hatten private Sammler die ersten Meteoritenkonzentrationsflächen in den Wüsten des Sultanats entdeckt. Als vierter Rub' al Khali-Staat gesellten sich 2005 mit bisher sieben bekannten Meteoritenfunden (alles Achondrite) die Vereinigten Arabischen Emirate als Fundgebiet hinzu.

 

Der Autor mit Fund, einem stark verwitterten gewöhnlichen Chondriten von insgesamt 1.039 Gramm (Feldname "Rub' al-Khali 021")
Heute stellt besonders der Südteil der Rub' al Khali ganze 16 Prozent aller bis heute bekannten Meteoritenfunde. Neben privaten Teams hat vor allem das "Omani Swiss Meteorite Search Project" wesentlichen Anteil daran. In fünf Kampagnen fand das Team über 4400 einzelne Meteoriten mit einem Gesamtgewicht von rund 3500kg. Diese Funde repräsentieren etwa 300 verschiedene Fälle. Folgt man der Statistik, so liegen im Schnitt 0,7 Meteoriten auf einem Quadratkilometer der südlichen Rub' al Khali. Das entspricht dem allgemein akzeptierten Wert von durchschnittlich ~4 Meteoritenfällen pro Quadratkilometer über einen Zeitraum von 50.000 Jahren.

Risikomanagement

Von der Feuerstelle unseres ersten Camps am Rande einer sichelförmigen Klippe blickten wir in eine sanft abfallende Ebene, auf die der zunehmende Mond schien. Über dem Horizont waren die Schultern des Orion, Bellatrix und Beteigeuze erschienen, letzterer ein Roter Riese mit dem sechshundertfachen Durchmesser und der zehntausendfachen Leuchtkraft unserer Sonne, wie ich von Thomas erfuhr. Der Name stammt aus dem Arabischen und hieß ursprünglich "Yad al-Jawza", was "Hand des Zwillings" bedeutet. Der Stern taucht bereits im Buch der Konstellationen der Fixsterne des Abd al-Rahman as Sufi aus dem neunten Jahrhundert auf.

Unseren Landcruiser hatten wir am Hang geparkt, um ihn im Falle eines Batterieversagens durch Anrollen starten zu können. Im Ernstfall hatte dies kaltes Blut und exaktes Timing erfordert, denn die wenigen Meter abwärts stellten das einzige flache Gefälle weit und breit dar und endeten in einem Tiefsandfeld. Der Fahrer hätte den Wagen im letzten Moment starten müssen, um ihn dann mit eisernen Nerven die zweihundert Meter durch den Tiefsand bis zur nächsten festen Scholle zu steuern. Das Ganze ohne den Motor im halbflüssigen Sand abzuwürgen. Einen zweiten Versuch hätte es nicht gegeben, denn allein mit Muskelkraft wäre das bereits leer über zwei Tonnen wiegende Gefährt nicht mehr aus dem Sand zu bringen gewesen.

 

Die Wüsten- oder Steppenagame (Trapelus mutabilis). In erregtem Zustand färben sich Kehle und Flanken des Tieres blau. Gesamtlänge ca. 28cm

Auf dem Gaskocher dampfte ein starker Tee und eine Pfanne mit opulentem Rührei a lá chef, mit einer Prise Harissa gewürzt, brutzelte auf der Glut des Dungfeuers. Mit 32°C war es tagsüber angenehm gewesen. Gerade hatte der Wind, der den ganzen Tag aus Nordost wehte schlagartig gedreht und kam nun von den Bergen in Südwesten. Zwei Schwarzkäfer der Spezies Trachyderma hispida (Abb. weiter unten), groß und mit feinen Dornen bewehrt, fraßen sich unter einigem Geräusch durch einen PVC-Sack, in dem wir die Essensreste und unseren Müll sammelten.

 

Einjährige Dornschwanzagame, Uromastix thomasi. Das tagaktive Tier kann je nach Sonneneinstrahlung die Hautfarbe ändern und reguliert damit seine Körpertemperatur. Mit dem kurzen stachelbewehrten Schwanz verschließt es seine Wohnhöhle. Ca. 25cm

 


Vor uns hatten wir einen Satz Tactical Pilotage Charts (TPCs) ausgebreitet, um mit Taschenrechner, Lineal und GPS unsere Reichweiten zu bestimmen. Unser eigentliches Ziel war ein vielversprechendes Kalkplateau, etwa 120 Kilometer von unserer jetzigen Position und rund 135 Kilometer von der nächsten befahrenen Piste entfernt. Selbst bei einem Verbrauch von 25l Superbenzin in schwerem Gelände, sollte das locker zu machen sein. Allerdings waren wir nur mit einem Fahrzeug unterwegs. Wie stünden unsere Chancen wenn dieses am Zielpunkt ausfiel? Ein etwaiges Festfahren machte uns wenig Sorge. Es gab immer Mittel und Wege einen versandeten Jeep irgendwie auszugraben und wieder frei zu fahren. Was aber im unwahrscheinlichen Falle eines Motor- oder Getriebeschadens?

Die nun folgende Diskussion führte uns deutlich die Nachteile einer basisdemokratischen Entscheidungsfindung in einem Zweimannteam ohne klare Mehrheiten vor Augen. Während ich unsere Reichweite eher ambitioniert kalkulierte und Thomas davon zu überzeugen suchte, dass wir selbst in einem Worst Case Szenario nach dreieinhalb Tagen Fußmarsch eine befahrene Piste erreichen konnten, neigte mein Kompagnon zu einer eher defensiven Einschätzung der Distanzen. Möglich dass bei Thomas Überlegungen, die Aussicht, bei einem etwaigen Fußmarsch gefährlich nahe an den Zustand des toten Kamels vom Mittag zu geraten, eine nicht unerhebliche Rolle spielte.

Wir beschlossen, diese Frage erst einmal auf sich beruhen zu lassen und morgen früh, unterwegs "nach Gefühl" zu entscheiden. Ohnehin hatten wir vor, die Distanz zum Zielgebiet suchend zu überwinden, das heißt kreuzend und in Schrittgeschwindigkeit.

 

Ein 700 Gramm Chondrit mit deutlichen Anzeichen von Sandschliff (Feldname "Rub al-Khali 004"). Einige in der Rub' al-Khali gefundene Meteoriten bringen es auf terrestrische Liegezeiten von 50.000 Jahren und darüber. Im Hintergrund der Finder Thomas Kurtz
Die ersten sechs Stunden des folgenden Tages verliefen staubig, trocken und ereignislos. Vom Fund einer schönen fossilen, halb mit Quarz gefüllten Brachiopode, einmal abgesehen. Der erste Meteoritenfund kam indes ebenso unerwartet wie unspektakulär. Gerade waren wir nach einer ausgedehnten Mittagspause, die wir im Schatten unseres Fahrzeugs liegend verbracht hatten, wieder gestartet, als ich um 14:34 Uhr, keine vier Meter von meinem Fenster, von der Beifahrerseite aus einen schwarzen pfenniggroßen Splitter erkenne. Tatsächlich entpuppt sich dieser beim Aussteigen als stark magnetischer Meteorit. Noch dazu ein ausgesprochen schönes Exemplar mit einer schmalen Schmelzlippe, die um die dreieckige Basis herumläuft. Gerade einmal 3,3 Gramm wiegt der Himmelsstein.

Gut eine Stunde suchten wir zu Fuß die Umgebung ab, bevor Thomas ein paar Schritte vom ersten Fund entfernt ein zweites, kaum größeres Exemplar entdeckte. Wir hatten dann die nächsten zwei Tage genügend Zeit, uns über die Merkwürdigkeiten des Zufalls zu wundern, der uns gerade im ungünstigsten Mittagslicht diese Winzlinge entdecken ließ, während die übrigen Quadratkilometer Wüste, die wir bis dahin absuchen würden, keine weiteren Funde bergen sollten.

Immerhin hatten wir bewiesen, dass wir unser Handwerk noch nicht verlernt hatten. Wir beschlossen deshalb, am abendlichen Lagerfeuer eine Flasche 2001er Chateau Bellevue Mondotte zu köpfen, die ich aus dem Sortiment des Weinhändlers am Flughafen in Bahrein erstanden hatte. Meine Bedenken, der gute St. Emilion sei mit rund 29°C "Raumtemperatur" etwas zu temperiert, konnten wir mit dem ersten Becher zerstreuen. Der Tropfen harmonierte ausgezeichnet mit einer Handvoll Datteln und dem aufgehendem Sternenhimmel. Nicht einmal die Edelstahltassen, die wir in Ermangelung geeigneter Gläser benutzen, konnten den Genuß schmälern.

Den Geräuschen aus unserer Mülltüte nach zu urteilen, hatten uns auch die beiden Schwarzkäfer zu unseren neuen Lagerplatz begleitet. In ihrem neuen Habitat erfreuten sie sich einer Zeit des Überflusses.

 

Keine Kernschmelze sondern das Dungfeuer des Nachtlagers, aufgenommen mit 6sec Belichtungszeit

Vor unserem Abflug aus Deutschland hatte Thomas die Überflugzeiten der Internationalen Raumstation ISS recherchiert. Für diesen Abend war ein Überflug für 19:13 Uhr Ortszeit aus Nordnordost angesagt. Tatsächlich erschien die Raumstation etwa sieben Minuten später als vorhergesagt, etwa 10 Grad über dem Horizont aus der vorhergesagten Richtung. Mit dem bereits eingerichteten Reiseteleskop verfolgten wir den Überflug, der auch mit dem bloßen Auge gut zu sehen war. Was für eine Begeisterung als wir erkannten, dass das Shuttle Atlantis noch angedockt war. Richtig, die Landung für die Mission "STS 122" war ja auch erst für den 20. Februar angekündigt. Das erklärte auch die Verzögerung. Wie üblich in solchen Fällen hatte die Crew den Resttreibstoff für eine Anhebung der Bahn der ISS um einige Kilometer genutzt, was sich dann zu einer Verlängerung des Orbits summiert hatte.

Wir freuten uns des Anblicks, prosteten uns zu und sahen die ISS als Boten einer Zukunft, an deren Ende die Reise zu den Welten jener Himmelskörper stehen würde, deren Fragmente wir aus dem Staub der Rub' al Khali hoben.


Fortsetzung

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