
|
|
|
|
www.niger-meteorite-recon.de
Rub' al-Khali Expedition 2008
Seite
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9

Text: Svend Buhl, Fotos: Svend Buhl und Thomas Kurtz
Zufälle und andere Unwahrscheinlichkeiten
Später, ich rechnete gerade unsere Trinkwasserreserve aus,
rief Thomas mich aufgeregt zum Jeep, auf dessen Hinterreifen er
eine Mantis entdeckt hatte. Es war die Arabische Teufelsblume,
Blepharopsis mendica. Ein Männchen, wie an den doppelt gekämmten
Antennen des etwa sechs Zentimeter langen Tiers zu erkennen war.
Wir wunderten uns noch, weshalb das Insekt ausgerechnet unsere Pneu
angeflogen hatten, als ich auf dem Vorderreifen ein zweites Tier
erkannte. Diesmal ein etwa sieben bis acht Zentimeter großes adultes
Weibchen, ebenfalls Blepharopsis.
|

|
Arabische Teufelsblume, Blepharopsis mendica (Fabricius 1775). Das adulte Weibchen misst etwa 7,5cm
|
|
Wir beobachteten die zutraulichen Tiere eine
ganze Weile in der Hoffnung, den Fang eines Beutetieres
zu erleben, beide betrieben indes lediglich Körperpflege.
Besonders die mit
Widerhaken versehenen, dreifach gefalteten Fangzangen wurden
dabei ausgiebig von Staub und verhakten Pflanzenfasern gesäubert.
Am Morgen waren die Tiere noch immer da. Bevor wir
unsere Ausrüstung verstauten, nahmen wir sie von den
Reifen, was beide sich, obwohl die Spezies flugfähig ist,
widerstandslos gefallen ließen. Am Boden zusammengebracht,
zeigte das Pärchen untereinander keinerlei Aggressivität. Zwar
ist Blepharopsis mendica für Kannibalismus berüchtigt, ich hielt
das jedoch für ein aus
der Beobachtung in Gefangenschaft entstandenes Gerücht. In freier
Wildbahn und bei ausreichender Beutepopulation bestand hierzu kein Anlass.
|

|
Das Weibchen ist eher an unserer Kamera interessiert, als an dem ca. 6cm großen Männchen im Hinterrgund
|
|
Der Morgen war heiß und dabei außergewöhnlich klar. Bereits
kurz nach Sonnenaufgang war aufgrund der Luftspiegelungen kein
eindeutiger Horizont mehr zu erkennen. Als wir in den Jeep
kletterten und gerade starten wollten, wurden wir Zeuge einer
seltenen Form der Fata Morgana. Knapp über dem Horizont, scheinbar
keine vier Kilometer entfernt, tauchte plötzlich aus der
flimmernden Hitze ein Gebäude auf, das rasch an Schärfe und
Kontur gewann. Wie aus dem Nichts materialisierte sich daneben
ein großes längliches bronzefarbenes Objekt, das wir im Fernglas als
großen Sattelschlepper identifizierten. Dabei waren sowohl der LKW als
auch das Gebäude eine Zeit lang doppelt
zu sehen, das heißt einmal den üblichen Gesetzen der Schwerkraft
folgend und ein zweites Mal, direkt darüber auf dem Kopf stehend gespiegelt.
Mit dem Fernglas waren deutlich Menschen zu erkennen,
die in Dischdaschas gehüllt aus dem Gebäude und hinein
gingen. Laut Karte und unseren GPS-Daten waren wir rund 100
Kilometer Luftlinie von der nächsten festen Asphaltpiste und
ebensoweit vom nächsten festen Gebäude entfernt. Das
war allerhand. Nach einer Viertelstunde löste sich das Gebilde
wieder auf, jedoch nicht ohne, dass wir vorher
noch den Sattelschlepper wegfuhren sehen, der wie ein Schiff
auf See, einen halben Grad über dem Horizont im monochromen Bleigrau des
Himmels davonschwebte. Erst viel zu spät, als sich das Gebilde
bereits wieder auflöste, griff ich zur Kamera, so gefangen waren wir von seinem Anblick.
Der einzige Fund, den wir an diesem Tag machten, war ein
kleines stark verwittertes Fragment, das so tief im Boden
eingebettet war, dass es vom Auto aus gar nicht zu sehen
gewesen war. Wir hatten den ganzen Vormittag erfolglos gesucht,
und nur einen einzigen Halt gemacht, um auszutreten. Und genau
dort, wo wir anhielten, direkt neben der Beifahrertür, fand
Thomas im Aussteigen den nicht einmal 20g schweren Meteoriten.
Der Nachmittag verlief ohne Funde, obwohl wir bis Sonnenuntergang
suchten. Wir campierten zwischen unserem Suchbahnen, nahe eines
kleinen Fettblattstrauches (Calotropis procer), den wir bei unseren
letzten Schleifen als Peilmarke benutzt hatten. Auch nach Einbruch
der Dämmerung suchten wir zu Fuß noch eine Stunde weiter, bis nichts mehr ging.
Am anderen Morgen verstauten wir unsere Ausrüstung noch vor
Sonnenaufgang, um früh starten zu können. Ich hatte allerdings
nicht mit Thomas gerechnet, der auf dem Beifahrersitz saß und
noch damit beschäftigt war, seinem Tagebuch Einträge in
epischer Breite anzuvertrauen. Das konnte dauern und so griff
ich mir meine Zahnbürste und spazierte zähneputzend etwas in der
Gegend herum.
|

|
Unbeabsichtigter Fund, "Rub' al-Khali 012", ein 68,5g schwerer Chondrit
|
|
Ganz automatisch sucht der Blick dabei den Boden ab,
denn was gibt es besinnlicheres, als gedankenverloren
im frühen Morgenlicht die mannigfachen Verwitterungsformen
des Wüstenbodens zu studieren? Ein paar Schritte von unserem Jeep
entfernt fällt mir ein Stein auf, der im Schatten ein wenig dunkler
erscheint. "Den wolltest Du Dir
doch gestern Abend schon angesehen haben", erinnerte ich mich. Aus irgendeinem
Grunde bogen meine Spuren jedoch drei Meter vorher ab,
wie ich irritiert feststellte.
Als ich direkt darüber stehe, konnte ich mir
auf den Stein noch immer keinen Reim machen. Ein
muschliger Bruch irritierte mich. Eine Erscheinung,
die eher für kryptokristalline Gesteine wie Flint und
Hornstein typisch ist,
während Meteorite in der Regel eher grobkörnig brechen.
Ansonsten stimmte alles: Farbe, Textur und Gestalt wiesen
auf einen Meteoriten.
Erst mal zum Auto, den Magneten holen, der von
außen in Griffbereitschaft an der A-Säule haftete.
Thomas war offensichtlich immer noch mit dem Abfassen
eines bedeutenden Opus beschäftigt und ließ sich in seinen
literarischen Ergüssen nicht mal von der zugegeben etwas unscharfen
Ansage, "Ich hab da was", abbringen.
Der Stein zog den Magneten deutlich an. Die Bruchkanten waren
erst durch den Sandschliff geglättet
worden, ein tiefer Kontraktionsriss und eine Flanke,
die deutlich Reste von Fließlinien zeigte, wiesen den
Fremdkörper als Meteoriten aus.
"Fund gemacht" rief ich laut in Richtung Auto, worauf Thomas
wie ein geölter Blitz im Sitz hochschoss und dabei seinen
Kugelschreiber aus dem Fenster katapultierte. Mit drei großen Sätzen war
er bei mir: "Unmöglich" protestierte er, "Ich bin hier gestern Abend
drei mal lang gelaufen". "Klar" zog ich ihn auf, "aber Du würdest
ja auch nicht mal die Hoba-Masse finden, wenn die hier läge". Wir konnten
beide darüber lachen, denn in der Tat war auch Thomas, wie
uns unsere Spuren vom gestrigen Abend
zeigten, zweimal direkt an meinem Fund vorbeigelaufen, ohne den
Meteoriten zu registrieren. Der Tag fing gut an, so konnte das weitergehen.
|

|
Finder Thomas Kurtz (links) und der Autor mit "Rub' al-Khali 017"
|
|
Sandschliff und Wüstenpflaster
Und genau so ging es auch weiter. Über den Tag verteilt
fanden wir fünf weitere Massen, die wir zwei unterschiedlichen
Fallereignissen zuordneten. Ich hatte in der Tat beim morgendlichen
Zähneputzen ein Streufeld entdeckt. Merkwürdig nur, dass wir am
vorangegangenen Tag dasselbe Gelände abgesucht hatten, ohne einen
einzigen Fund zu machen. Das Terrain war hervorragend. Absolut frei von
Bewuchs und größeren Körnungen, gut befahrbar und flach genug, um dort
mit einem A-380 zu landen.
Wir fuhren parallele Bahnen von drei bis vier Kilometern Länge und in einem
Abstand von 50 Metern. Am späten Nachmittag fiel uns beim Blick auf unsere
Track-Anzeige im GPS ein Abschnitt des Streufeldes auf, den wir bisher außer
Acht gelassen hatten. Eine Stunde hatten wir noch Licht.
Da uns der Weg in das neue Gebiet direkt gegen die Sonne
führte, war an ein Suchen aus dem Fahrzeug unterwegs nicht
zu denken. Ich trat daher ordentlich aufs Gas. Zwar war auch
voraus gegen die blendende Sonne nicht allzu viel zu sehen, da
wir jedoch
in den vergangenen zwei Tagen in diesem Gebiet nichts gesehen
hatten, mit dem man hätte kollidieren können, war dieses Risiko
vernachlässigbar.
|

|
"Rub' al-Khali 018", in situ Aufnahme im Gegenlicht
|
|
Überhaupt hat das Fahren auf flachem Terrain in der Wüste
etwas traumwandlerisches. Während der Meteoritensuche bei klarer
Sicht und Schrittgeschwindigkeit, reicht ein Blick voraus
alle zehn Minuten vollkommen aus, um das Fahrzeug sicher zu führen.
Gelegentlich kann es vorkommen, dass man den
Blick nach vorn für eine lange Weile ganz vergisst. Das konnte bisweilen
freilich zu plötzlichen und völlig unerwarteten Perspektiven führen.
Wir waren nun fünf Minuten mit hoher Geschwindigkeit so gefahren,
als ich in der Ferne voraus ein Objekt auf der Ebene liegen sah.
Ob hell oder dunkel ließ sich gegen die Sonne nicht sagen, ich
steuerte den Landcruiser deshalb so, dass wir dass Objekt knapp
auf meiner Seite passieren mussten. Im Vergleich mit den Meteoriten,
die wir bisher gefunden hatten, schien mir das Objekt viel zu groß
und die Shilouette zu rund und so schenkte ich ihm im Passieren nur
einen flüchtigen Blick. Mit dem Licht der untergehenden Sonne von vorne
war erwartungsgemäß nichts zu erkennen, doch im Rückspiegel
blitze für einen Moment ein Abbild des Steines auf, das mich
zu einer sofortigen Vollbremsung veranlasste.
|

|
Alte Caliche-Anhaftungen, die sich auf der windabgewandte Seite von "Rub' al-Khali 018" erhalten haben,
markieren das Niveau einer früheren Einsedimentierung
|
|
In meiner Begeisterung hatte ich allerdings vergessen,
dass wir wie immer mit offenen Fenstern fuhren. Das
hatte zur Folge, dass sich die gewaltige Staubwolke,
die sich wie ein pyroklastischer Strom hinter uns aufgebaut
hatte, nun auch ungehindert im Innern des Jeeps ausbreiten
konnte. Hustend und wüste Verwünschungen ausstoßend retteten
wir uns ins Freie.
Rund dreißig Meter lag das Objekt vom zum Stehen gekommenen
Jeep entfernt, doch bereits aus dieser Distanz schien es
sehr wahrscheinlich, dass wir einen großen Treffer gelandet
hatten. Auf halber Strecke beglückwünschten wir uns und bevor
wir uns dem Meteoriten näherten, umkreisten wir ihn mehrfach wie
tibetanische Pilger einen heiligen Berg, denn der Anblick des
großen, frei auf der Ebene liegenden Meteoriten in der
Abendsonne war respekteinflößend.
|

|
Studioaufnahme von "Rub' al-Khali 018". Deutlich sichtbar ist die Abrasion durch Sandschliff ("Korrasion") im oberen Drittel des Meteoriten
|
|
Wir machten dabei die Beobachtung, dass der Stein zu einer Seite
hin, nämlich genau nach Nordnordost bzw. 55°, starke Anzeichen von
Abrasion zeigte. Auf der nach dieser Seite weisenden Flanke fehlten durch den
Sandschliff mehrere Zentimeter des ursprünglichen Materials. Über die Jahrtausende
hatte der Wind, der bei zunehmender Stärke wie ein Sandstrahlgebläse Feinkies und Sandkörner mitführt,
tiefe Höhlen und Kanäle in den Meteoriten gefräst. Sogar unter der aufliegenden Seite hatten
sich von Nordnordost ausgehend, durch den "Korrasion" genannten Prozess Windgänge in den Stein gegraben. Zur Leeseite hin,
fanden sich dagegen noch Reste der ursprünglichen Schmelzrinde.
|

|
Aufsicht mit Darstellung der vorherrschenden Windabrasionsrichtung
|
|
Die deutlich einseitige Abtragung war einerseits Beleg dafür,
dass der Meteorit über den Zeitraum seiner terrestrischen Verweildauer
nicht in seiner relativen Lage bewegt wurde. Andererseits war sie
ein hervorragendes Indiz für die Stetigkeit des Passatwindes,
mindestens währen der letzten zehn bis fünfzehntausend Jahre.
Dabei war es wahrscheinlich, dass der Meteorit vorher im Sediment
eingebettet war und sukzessive durch die Winderosion freigelegt
wurde. Dies schlossen wir aus der Tatsache, dass die Zerstörung
im oberen Drittel des Steines sehr viel stärker war, als in der Zone
der jetzigen Auflagefläche, in der rezent der stärkste Sandschliff wirkte.
Zwar werden Schluffe und feinere Tonstäube in Höhen von
1 bis 2m über dem Boden und darüber hinaus transportiert,
ihr Abriebpotential beim Auftreffen auf Fremdgesteine ist
jedoch begrenzt. Ein Abrieb, wie er an unserem Meteoriten vorlag,
wird überwiegend durch größere Partikel, Sandkörner mit Korngrößen
von 0,1 bis 1,0mm, verursacht. Diese Sandkörner werden
vom Wind rollend und springend fortbewegt. Selten
werden dabei Sprunghöhen von über 2cm erreicht. In diesem
bodennahen Bereich ist die Abrasion durch mineralische
Partikel also am größten.
Wenn unser Meteorit nun im oberen Drittel, 5 - 7cm
über dem Auflageniveau der Fundlage, den stärksten
Abrieb zeigte, war dies ein Indikator dafür, dass diese Partie
für einen längeren Zeitraum in Bodennähe positioniert war
während der darunterliegende Teil durch
Sedimentbedeckung vor Erosion geschützt war.
Fortsetzung
Seite
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9
|
© 2001-2008 NigerMeteoriteRecon
|
|