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Expedition 2002 - Die Story
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Die von uns im Schatten gemessenen Temperaturen überstiegen nie die Marke von 45°C. Im August erhitzt sich die Luft in den Mittagsstunden dagegen bis zu 50°C
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Auch wir müssen uns die ersten beide Tage in der Tafafasset-Ebene in Geduld üben. Hunderte Gesteinsbrocken, die uns vom Jeep aus aufgefallen waren, haben wir angefahren und überprüft. Hunderte Male mit negativem Ergebnis. Immer wieder durchziehen Felder aus Fech Fech das Suchgebiet. Entdecken wir hier aus dem Auto einen verdächtigen Stein, sind oft weite Strecken zu Fuß zurückzulegen.
Elkontchi kann unser Fahrzeug auf dem feinkörnigen Sand nicht anhalten, denn einmal zum Stehen gekommen, würde es beim erneuten Anfahren sofort einsinken. Für das ungewohnte Auge ist der Blick in die konturlose Fläche überaus anstrengend. Kein Objekt, auf dem sich der Blick ausruhen könnte, nichts als die endlose Schotterwüste, die gleichförmig und monoton am Wagenfenster vorbeizieht. Bizarre Luftspiegelungen machen aus weit entfernten kleinen Steinchen gewaltige Felsbrocken, die beim Näherkommen wie durch Zauberhand wieder auf ihre natürliche Größe schrumpfen.
Gegen Mittag, das Thermometer zeigt jetzt 43° im Schatten, werden auch die größeren Steintrümmer unsichtbar. Kein Schatten hebt sie mehr ab vom beigen Monochrome des Wüstenbodens.
Zeit für das Camp. Eine Zeltbahn über die beiden Wagen gespannt, spendet den nötigen Schatten. Elkontchi erzählt eine merkwürdige Geschichte über einen Karawanenführer, der sich von seinen Leuten trennte, um einen Gebirgspass im algerischen Grenzgebiet zu erkunden. Noch in der gleichen Nacht, als die Gefährten ihn am Horizont verschwinden sahen, habe man den völlig verwirrten Mann auf einem Bazar im über tausend Kilometer entfernten N'djamena aufgegriffen und in ein Hospital gesteckt. Im Halbschlaf höre ich der Geschicht zu und frage mich, ob nicht vielleicht Elkontchi der verwirrte Karawanenführer sei und uns womöglich ein ähnliches Schicksal droht.
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Bei der Prospektion vom Fahrzeug aus unerläßlich: Staubbrille und Tugelmust
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Erst gegen drei Uhr am Nachmittag lässt die Hitze nach und es ist wieder an eine Suche zu denken. Doch obwohl die weiten sandfreien Flächen nördlich der Grein Berge für die Verhältnisse in der Ténéré ideale Prospektionsbedingungen bieten, scheint auch dieser Tag ohne einen Fund zu vergehen. Auf einer flachen Anhöhe, deren Horizont wie mit dem Lineal gezogen scheint, machen wir einen Stop, um unser zweites Fahrzeug herankommen zu lassen, dass sich so weit entfernt hat, dass es gerade noch für die Augen unserer Tuareg sichtbar ist.
Zehn Meter vor unserem Jeep fällt mir ein Steinchen auf, kaum größer als eine Nuss. Auf den ersten Blick hat mein Fund kaum Ähnlichkeit mit den im Atmosphärenflug geglätteten und anschließend im Wüstenwind abgeschliffenen Exemplaren, wie ich sie aus den geologischen Sammlungen kenne. Dennoch zeigt die verwitterte Kruste eingesprengtes Metall. Und das in einer für ein terrestrisches Mineral ganz und gar untypischen Körnung. Ein Himmelstein? fragt mich Souleymane, "Inschallah" antworte Aoutchiki für mich, "so Gott es will".
Einen Monat später, nach den Analysen in Hamburg, werden wir erfahren, dass dieses Fragment einen der rarsten Meteoritentypen überhaupt repräsentiert. Einen kohligen Chondriten bzw. primitiven Achondriten, der darüberhinaus starke Oxidations- und Rekristallisierungsmerkmale aufweist. Enststanden vor rund 4,5 Mrd Jahren, enthält der Meteorit Materie des präsolaren Urnebels. Als Zeuge der Anfänge unseres Sonnensystems wirft er Licht auf die Entstehung der Gestirne, möglicherweise aber auch auf die Entstehung des Lebens auf der Erde: Denn kohlige Chondrite enthalten Aminosäuren, die Bausteine des irdischen Lebens. Was unser Exemplar angeht, so ist es bis jetzt "ungrouped", dass heisst, seine chemische Zusammensetzung lässt sich nicht mit den bisher bekannten Meteoriten des CR-Typs in Einklang bringen. (Daher die Doppelbezeichnung) Möglicherweise handelt es sich um das erste Stück einer neuen Gruppe.
Für mich zählte der Fund zu den eindrucksvollsten Erlebnissen der Expedition. Im Bewußtsein ein ganz besonderes Objekt aus dem Staub der Sahara gehoben zu haben, kam mir die Begegnung in den Sinn, die Antoine de Saint-Exupéry in "Wind Sand und Sterne" angesichts einer Landung auf einem unzugänglichen Tafelberg schildert: "Als erster störte ich das Schweigen dieses Ortes. ... Schon leuchtete ein Stern und ich sah ihn an. Ich dachte, wie die weiße Fläche, auf der ich mich befand, seit Hunderttausenden von Jahren nur den Sternen dargeboten war, ein fleckenloses Tuch unter den reinen Himmel gebreitet. Da durchfuhr es mich wie einen Forscher im Augenblick einer großen Entdeckung: ich sah auf diesem Tuch kaum zwanzig Meter vor mir einen schwarzen Kiesel. ... Mit klopfendem Herzen hob ich meinen Fund auf: ein harter, schwarzer Stein von Faustgröße, schwer wie Metall und tropfenförmig...
Auf ein Tuch, das man unter einem Apfelbaum ausbreitet fallen Äpfel - ein Tuch unter den Sternen kann nur Staub von Gestirnen erhalten. Kein Meteor hatte je seine Herkunft so eindeutig dargetan wie dieser schwarze Stein."
Am Tage unserer Ankunft in Agadez sucht mich ein hochgewachsener Targi auf, der draussen vor der Stadt in seinem Zelt campiert. Über den Zweck unserer Expedition scheint er gut informiert zu sein, Neuigkeiten machen hier schnell die Runde. Er stellt sich mir als Abu Selima vor und will sich uns als Führer zu einem ganz speziellen Ort anbieten. Was er erzählt, erinnert an den phantastischen Bericht des Emir Mûsa von der sagenhaften Messingsstadt. Jener Legende aus dem "Buch der Schätze" die bis heute zu den bewegendsten "Expeditionsberichten" zählt, die je geschrieben wurden. Abu Selima schmückt seine Geschichte gehörig aus, doch wecken die Landmarken die er erwähnt, vor allem aber deren naive geologische Beschreibung meine Neugier. Wir ermuntern ihn fortzufahren:
"Ich weiss, was Du suchst Fremder, also höre was ich Dir zu sagen habe. In den Karawansereien jeneits von Fachi erzählen die Tubu von einem Ort, den kein Ungläubiger je betreten hat. Es ist der Berg der schwarzen Steine, vielleicht hast Du schon davon gehört. Viele haben es versucht, dorthin zu gelangen, doch der Dschumdschâb, der Gluthauch des Erg hat sie verschlungen oder sie wurden verschleppt und versklavt von den Raubkarawanen der Guraan. Die Gebeine dieser Unglücklichen bleichen in den Tälern der großen Sandsee während ihre Zelte in der Heimat verwaisen. Als Dschins irren sie durch die Wüste und finden keine Ruhe. Doch du Sidhi bist jung und stark und mit mir als Führer kannst Du es wagen. Inschallah werden die Karawanenführer noch in hundert Jahren unsere Namen mit Ehrfurcht nennen und jene, die mit dir zogen werden dich als "Abu Tekack", den Vater der Himmelssteine kennen. Wir werden die Wüste durchqueren und hinaufsteigen auf den Berg und Dein Jubel wird groß sein ya Sidhi, wenn du deine Packsättel mit den schwarzen Steinen des Himmels belädst, Allah sei mein Zeuge".
Auch wenn Abu Selimas Angaben den allgemeinen Übereinkünften der exakten Wissenschaften kaum standhalten werden, bekommt er von uns ein Engagement für die nächste Expedition im Februar 2003. Nicht weil er mir als "Mudir" ein Mehari, ein weisses Reitkamel verspricht, sondern weil ihm etwas vom verschwundenen Mythos der Wüste anhaftet, das vielen seiner geschäftstüchtigen Kollegen abhanden gekommen ist. Saint-Exupéry wusste wovon er sprach, als er die Magie der Wüste mit dem Einbruch der Zivilisation enden ließ:
"Wir lebten von Zauber des Sandes, andere werden Erdölquellen darin erbohren und sich mit Handel bereichern. Aber sie kommen alle zu spät. Die verbotenen Palmwälder, der niemals zuvor betretene Muschelsand haben uns ihr Bestes gegeben. Die Sahara hatte nur eine heilige Stunde der Erhebung zu verschenken, und wir haben sie erlebt."
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